IW-Regionalranking für Rheinland-Pfalz
Koblenz legt zu, Mainz fällt ab: Das zeigt das neue Regionalranking für Rheinland-Pfalz
Die wirtschaftliche Entwicklung in Rheinland-Pfalz driftet regional auseinander. Das IW-Regionalranking 2024 von IW Consult, das 400 Landkreise und kreisfreie Städte nach Indikatoren zu Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität vergleicht, zeigt einen klaren Gewinner und mehrere Problemzonen: Koblenz erreicht im Dynamikranking Platz 4, während Mainz im Niveauranking von Platz 2 auf Rang 14 zurückfällt und im Dynamikranking auf Platz 398 landet. Frankenthal liegt im Niveauranking auf Rang 391 und damit unter den schwächsten zehn Regionen. Der Landkreis Birkenfeld bildet im Dynamikranking das Schlusslicht.
Wichtig ist dabei die Logik der zwei Perspektiven: Das Niveauranking bildet ab, wo eine Region aktuell steht. Das Dynamikranking misst, wie stark sich zentrale Kennziffern zuletzt verändert haben. Eine Region kann also trotz weiterhin ordentlicher Ausgangslage deutlich an „Tempo“ verlieren – oder umgekehrt aus mittlerer Position heraus stark aufholen.
Koblenz profitiert von Gründungsklima und Branchenmix
Koblenz sticht in Rheinland-Pfalz am deutlichsten heraus. Platz 4 im Dynamikranking signalisiert, dass sich die Stadt in den gemessenen Indikatoren zuletzt außergewöhnlich stark verbessert hat – nicht nur, dass sie „gut dasteht“. Die IHK Koblenz führt das gute Abschneiden auf ein günstiges Gründungsklima, eine ausgeprägte Hochschullandschaft und eine vergleichsweise junge Bevölkerung zurück. Zudem verweist sie auf einen breiten Branchenmix, der die Region weniger anfällig für Einbrüche einzelner Industrien machen könne.
Für die wirtschaftliche Stabilität ist diese Mischung mehr als ein Wohlfühlargument: Wenn Beschäftigung und Wertschöpfung auf mehrere Branchen verteilt sind, schlagen Schocks – etwa in Exportindustrien oder im Bau – typischerweise weniger abrupt auf den gesamten Arbeitsmarkt durch. Gleichzeitig kann ein aktiver Gründungs- und Hochschulstandort die Anpassungsfähigkeit erhöhen, weil neue Geschäftsmodelle schneller entstehen und Fachkräfte eher vor Ort bleiben.
Die IHK betont aber auch die Grenzen: Steigende Energie- und Arbeitskosten sowie ungelöste Fragen im Flächenmanagement könnten die Entwicklung bremsen. Gerade Flächen sind in wachsenden Städten ein harter Standortfaktor: Wenn Betriebe nicht expandieren können oder Neuansiedlungen an fehlenden Gewerbeflächen scheitern, kippt Dynamik rasch in Verdrängung – mit Folgen für Investitionen und kommunale Einnahmen.
Mainz verliert an Tempo trotz starkem Ausgangsniveau
Mainz bleibt im bundesweiten Vergleich kein strukturell schwacher Standort, doch das Ranking zeichnet ein klares Warnsignal: Im Niveauranking fällt die Stadt von Platz 2 auf Rang 14, im Dynamikranking rutscht sie mit Platz 398 nahezu ans Ende.
Die IHK Rheinhessen erklärt den Absturz im Dynamikranking unter anderem mit einem statistischen Effekt: Wer zuvor stark gewachsen ist und ein hohes Niveau erreicht hat, muss für weitere Ranggewinne überproportional zulegen – kleine Verbesserungen reichen dann oft nicht mehr, um im Feld aufzusteigen. Das kann einen Teil des Rückgangs plausibel machen, ersetzt aber keine Ursachenanalyse.
Denn die Kammer benennt zusätzliche Belastungsfaktoren: gestiegene Standortkosten und eine aus ihrer Sicht schwächere Steuerkraft. Als Bremsen kommen Infrastrukturprobleme und unzuverlässige Zugverbindungen hinzu. Das trifft Mainz an einer empfindlichen Stelle, weil eine Landeshauptstadt mit Hochschulen und wissensintensiven Arbeitgebern besonders darauf angewiesen ist, dass Pendlerströme funktionieren und Flächen, Mobilität sowie Verwaltung planbar sind. Hohe Kosten sind für Unternehmen nicht automatisch ein Ausschlusskriterium – sie werden es aber dann, wenn die Gegenleistung in Form von Erreichbarkeit, Geschwindigkeit bei Genehmigungen und verlässlicher Infrastruktur nicht mitwächst.
Die IHK fordert deshalb politische Maßnahmen zur Verbesserung der Standortbedingungen. Für die Stadt ist das Ranking weniger ein Urteil über den Status quo als eine Erinnerung daran, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht nur aus starken Branchen entsteht, sondern aus dem Zusammenspiel von Kosten, Infrastruktur und Investitionsklima.
Frankenthal und Birkenfeld: Wenn Strukturindikatoren und Unternehmensgefühl auseinanderlaufen
Frankenthal landet im Niveauranking auf Platz 391 und damit in einer Gruppe, die nach den IW-Indikatoren derzeit zu den schwächsten Regionen zählt. Gleichzeitig bewertet die IHK Pfalz den Standort weniger alarmistisch: In einer eigenen Umfrage kam Frankenthal auf die Schulnote 2,6. Positiv hebt sie unter anderem Verkehrsanbindung sowie Bildungs- und Gesundheitsangebot hervor, sieht aber auch einen negativen Gewerbesaldo und gestiegene kommunale Steuern kritisch.
Dass diese Bilder auseinandergehen können, ist erklärungsbedürftig – und für Leserinnen und Leser entscheidend: Ein Ranking wie das von IW Consult arbeitet mit vergleichbaren Kennziffern, die strukturelle Stärken und Schwächen über Regionen hinweg abbilden. Eine Unternehmensbefragung misst stärker die unmittelbare Praxis vor Ort: Erreichbarkeit, Servicequalität, gefühlte Belastungen, Erwartungen. Wenn Betriebe einen Standort solide bewerten, kann das bedeuten, dass die operative Alltagstauglichkeit höher ist, als es Strukturindikatoren nahelegen. Umgekehrt kann eine gute Stimmung nicht dauerhaft kompensieren, wenn zentrale Kenngrößen – etwa Investitionen, Beschäftigungsdynamik oder kommunale Finanzkraft – unter Druck geraten. Für die Stadt liegt der Hebel damit nicht nur im Marketing, sondern in Rahmenbedingungen, die Wachstum praktisch ermöglichen: Flächen, Abgabenlast, Verwaltungstempo und planbare Infrastruktur.
Am härtesten trifft es den Landkreis Birkenfeld: Im Dynamikranking liegt die Region auf dem letzten Platz. Landrat Miroslaw Kowalski führt die Schwierigkeiten auf Entwicklungen in der Automobilindustrie und eine schleppende Entwicklung von Konversionsflächen zurück. Hinzu kommt ein strukturelles Dilemma vieler ländlicher Räume: Wenn große Arbeitgeber schwächeln und zugleich neue Flächen oder Projekte nur langsam in Wertschöpfung umschlagen, entsteht eine Abwärtsspirale aus weniger Investitionen, geringerer Attraktivität und abnehmender Dynamik.
Im Kreis wird außerdem darauf verwiesen, dass der ländliche Charakter und der Nationalpark Hunsrück-Hochwald Ansiedlungen erschweren könnten. Zudem heißt es, die geplante Schließung eines Biontech-Standorts könne die Lage weiter verschärfen. Gleichzeitig wird an einem Autobahnanschluss gearbeitet, um die Erreichbarkeit zu verbessern – ein klassisches Beispiel dafür, wie Infrastrukturpolitik in ländlichen Regionen nicht „nice to have“ ist, sondern eine Voraussetzung, um Fachkräfte, Zulieferer und neue Unternehmen überhaupt in Reichweite zu bringen.
Was das Ranking für Rheinland-Pfalz bedeutet
Die Ergebnisse machen vor allem eines sichtbar: In Rheinland-Pfalz entscheidet sich wirtschaftliche Stärke zunehmend regional – und nicht nur entlang der klassischen Grenze „Stadt gegen Land“. Koblenz zeigt, wie Dynamik aus Gründungen, Hochschulnähe und Branchenbreite entstehen kann, wenn Rahmenbedingungen mitziehen. Mainz illustriert, dass ein hoher Stand nicht vor einem Tempoverlust schützt, wenn Kosten und Infrastruktur zum Engpass werden. Frankenthal und Birkenfeld stehen für zwei unterschiedliche Problemlagen: die Diskrepanz zwischen Strukturwerten und Standortwahrnehmung – und die besondere Verletzlichkeit von Regionen, die an wenigen Branchen hängen und bei Flächen- sowie Infrastrukturprojekten nicht schnell genug vorankommen.
Für Politik und Wirtschaft vor Ort ist deshalb weniger die Rangzahl als die Richtung entscheidend: Wo kippt ein Standort von Wachstum in Stagnation – und welche Stellschrauben (Flächen, Kosten, Verkehr, Genehmigungen) lassen sich so verändern, dass aus Momentaufnahmen wieder belastbare Entwicklung wird.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.ww-kurier.de/artikel/171308-wirtschaftsdynamik-in-rheinland-pfalz--koblenz-glaenzt--mainz-im-rueckwaertsgang, 25.05.262026
- https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2024/IW-Report_2024-IW-Regionalranking-2024.pdf, 21.05.2024
- https://www.ihk.de/blueprint/servlet/resource/blob/5606864/b7c257f95177c7f06452b88890cb0d83/wirtschaftsmagazin-pfalz-juli-august-2022-data.pdf, 01.07.2022

